Licht in einer traurigen Realität

Licht in einer traurigen Realität

Tschechien wird als dritt-schlimmster Sklavenstaat Europas bezeichnet. OM-Mitarbeiterin Natascha Shoultz schildert, wie sie seit fünf Jahren Jesu Liebe an Frauen in Prostitution in Prag weitergibt. Sie betont, dass die Verantwortung, den Unterdrückten zu Gerechtigkeit zu verhelfen, ein Auftrag ist, der allen Christen gegeben ist – Gott ruft seine Kinder zu ihm zusammen, um den Versklavten Freiheit zu bringen.

„Ich erinnere mich, wie ich einmal in einem Nachtklub saß und mit zwei Rumäninnen sprach, die schätzungsweise 30 Jahre alt waren. Sie waren sehr hübsch, sprachen etwas Englisch und schienen intelligent zu sein. Ich fragte sie, was sie an ihren freien Tagen machen würden. Sie antworteten, dass sie sieben Tage die Woche arbeiten und daher keinen freien Tag hätten. In der Hoffnung, sie auch mal außerhalb des Nachtklubs zu treffen und an der frischen Luft spazieren zu gehen, um vertraulicher zu reden, fragte ich sie nach ihren Arbeitsstunden. Sie erwiderten, sie arbeiteten täglich die gesamte Nacht bis etwa sechs Uhr morgens. Danach würden sie ins Bett gehen und den ganzen Tag bis zum Abend schlafen. Wenn sie dann wach wären, fingen sie an, sich langsam auf eine weitere Nacht vorzubereiten, in der sie wieder strippen würden – vor Kunden, die sie auslachen, belästigen und verspotten. Die beiden Frauen prostituieren ihre Körper die gesamte Nacht über, an so viele Kunden wie möglich.

 

Freier Wille?

Als ich der trostlosen Beschreibung ihrer Leben lauschte, dachte ich, dass es für einen Menschen doch unmöglich sei, sieben Tage die Woche ununterbrochen ohne freien Tag zu arbeiten. Prostitution ist eine emotional extrem herausfordernde und eine potenziell verheerende Form der Beschäftigung. Ich konnte mir nicht vorstellen, in welchem Seelenzustand die Frauen sind. Ich fragte sie, wie lange sie dies schon tun und ihre Antwort schockierte mich: Zwölf Jahre! Sie erzählten mir, dass sie es aus freiem Willen tun würden und diese Form des Daseins so gewählt hätten.

Freier Wille? Diese Frage drängte sich mir auf. Ob ich glauben sollte, dass diese Frauen freiwillig sieben Tage die Woche, zwölf Jahre lang, ohne Ferien arbeiten würden? Für mich erschien dies unwahrscheinlich. Die Hoffnungslosigkeit und die tiefe Leere in ihren Augen deuteten eher darauf hin, dass sie sich dieses Leben nicht selbst ausgesucht hatten.

Diese beiden Rumäninnen sprachen etwas Englisch, aber viele der Frauen, die wir in den Bordellen treffen, sprechen weder Englisch noch Tschechisch. Weitere Fragen stellten sich mir: Wie schafft es eine Frau, die weder Englisch noch Tschechisch spricht, nach Tschechien zu kommen? Und wie findet sie eine Arbeit in einem Nachtklub und erhält dazu das benötigte Visum und alle Papiere, um legal arbeiten zu können? Ich denke, dass das ganz einfach ist, wenn man die Hilfe von jemand hat, der sich in der tschechischen Sexindustrie auskennt. Ich bin der Meinung, dass in den meisten dieser Fälle ein Zuhälter involviert ist und im schlimmsten Fall Menschenhändler.

 

Traurige Realität

Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass die moderne Sklaverei immer noch existiert. Sie ist in vielen Ländern der Welt, darunter auch Tschechien, traurige Realität. Tatsächlich ist Tschechien, laut eines Artikels der „Prague Post“ von 2013, der dritt-schlimmste Sklavenstaat in Europa – nach Albanien und Montenegro. Der veröffentlichte Artikel überraschte viele, aber es gibt auch Grund zur Vorsicht, wenn es um Statistiken über Menschenhandel geht, weil es so viele unterschiedliche Wege gibt, um Statistiken zu erstellen und zu analysieren. Dennoch ist sicher, dass es ein ernsthaftes Problem mit Prostitution und Menschenhandel in Tschechien gibt. Aufgrund vieler Hunderte Gespräche mit verschiedenen Frauen, mit denen ich in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet habe, bin ich zur Überzeugung gekommen, dass viele Frauen Opfer von Menschenhandel sind.

 

Ein Leben der Misshandlung

An einem Abend saß ich in einem Nachtklub-Zimmer auf dem Bett einer nigerianischen Frau, die ich gut kenne. Ich hörte eine Geschichte, die für mich schwierig zu begreifen war. Sie erzählte von einer ihrer Kolleginnen im Nachtklub, die Ärger mit einem Kunden bekommen hatte. Der Kunde wollte, nachdem er Sex mit ihr hatte, nicht zahlen. Obendrauf stahl er ihr das Geld, das sie von ihren vorherigen Kunden bekommen hatte – insgesamt über 100 Euro. In ihrer Verzweiflung, wieder ihr Geld zu bekommen, schnappte die Frau sich das Handy des Kunden und meinte, dass sie es ihm erst wiedergeben würde, wenn er ihr das Geld gäbe. Der Kunde begann, sie brutal zu verprügeln. Blutüberströmt rannte sie weg und flüchtete in ein geeignetes Versteck im Bordell.

Der Kunde, ein Tscheche, ging und kam mit der Polizei wieder, doch sie konnten die Frau nicht finden. Die beiden gingen wieder, aber ein paar Stunden später kam der Polizist wieder und forderte von der Frau 200 Euro „Entschädigung“. Der Tage endete für die Frau damit, dass sie über 100 Euro ihrer Kunden plus 200 Euro an den Polizisten verloren hatte. Außerdem konnte sie, aufgrund der Schwere ihrer körperlichen Verletzungen eine Woche lang nicht arbeiten.

Die Nigerianerin, die mir diese Geschichte erzählte, wechselte plötzlich das Thema und fragte mich, ob ich in Zukunft Kinder haben wolle. Der plötzliche Themenwechsel überraschte mich, aber ich ging darauf ein und antwortete ihr. Sie schaute mir traurig in die Augen und erzählte, dass sie sechsmal zur Abtreibung gezwungen wurde. Sie meinte, sie träume davon, Kinder zu haben und einer ihrer größten Wünsche sei es, Mutter zu sein. Wenn ich so etwas höre, ist es für mich umso schwerer zu glauben, dass irgendeine Frau sich dieses Leben aussucht.

 

Gefangen und hoffnungslos

Von vielen Tschechen, mit denen ich in Kontakt bin, werde ich immer wieder gefragt, wieso diese Frauen nicht einfach gehen. Doch, ich kann nicht für die Frauen sprechen und ich zögere, die Situationen der Frauen zu verallgemeinern, denn jede einzelne Frau hat ihre eigene Geschichte. Ich habe festgestellt, dass sogar im selben Nachtklub die Geschichten der dort arbeitenden Frauen sehr unterschiedlich und vielseitig sind.

Manche Frauen haben Zuhälter, andere nicht. Jede Frau hat einen anderen „Vertrag“ mit denen, die sie in die Sexindustrie gebracht haben. Manche haben sogar keinen Vertrag und hoffen nur zu überleben. Andere glauben, dass sie das aus Liebe machen – oft haben die festen Freunde ihre Freundinnen in die Sexindustrie gebracht. Es gibt ein paar wenige Studentinnen, die beispielsweise versuchen Geld für Bücher zu sparen, sie machen aber die Minderheit aus. Die meisten Frauen in den Bordellen sind die, die am Ende ihrer Möglichkeiten sind und die in einem überwältigenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit gefangen sind.

 

Verantwortung, zu Gerechtigkeit zu verhelfen

Es herrscht Zerbrochenheit und Dunkelheit in der Sexindustrie und Jesus hat uns berufen, ein Licht zu sein. Diejenigen, die an die Sexindustrie gebunden sind, tragen schwere Fesseln, manche psychologisch manche sogar körperlich.

Jesus sagt in Lukas 4,18: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt, um den Armen die gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, Gefangenen zu verkünden, dass sie freigelassen werden, Blinden, dass sie sehen werden, Unterdrückten, dass sie befreit werden“.

Gott hat seine Kinder berufen, Teil seines Werkes zu sein, um den Gefangenen Freiheit zu verkündigen. Als Christen fühlen wir uns oft sicherer, wenn wir nicht in die Bordelle oder an andere dunkle Orte gehen. Wir fürchten die Dunkelheit und die Verunreinigung, die sie mit sich bringt. Manche von uns sind schon zu beschäftigt mit dem Alltag und wir haben nicht die Zeit, um Nachtklubs zu besuchen oder uns anderweitig einzusetzen. Wir denken, dass Gott andere Menschen beruft und dass die Aufgabe, die Opfer von Menschenhandel zu erreichen gut ist, aber vielleicht nicht etwas, für das wir uns gut ausgerüstet oder geleitet fühlen, um uns dagegen zu engagieren.

Doch ich bin der Meinung, dass die Verantwortung, den Unterdrückten zu Gerechtigkeit zu verhelfen, ein Auftrag ist, der für jeden Christen gilt. In Micha 6,8 fleht die Bibel die Kinder Gottes an: „Es wurde dir, Mensch, doch schon längst gesagt, was gut ist und wie Gott möchte, dass du leben sollst. Er fordert von euch nichts anderes, als dass ihr euch an das Recht haltet, liebevoll und barmherzig miteinander umgeht und demütig vor Gott euer Leben führt.“

 

Wie nehmen wir diese Verantwortung an?

Als Erstes möchte ich vorschlagen, dass jeder in seinem Einflussbereich Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenkt. Wir alle haben Freunde und Menschen um uns herum. Wäre es möglich, dass wir anfangen, die Botschaft von dem, was in den Nachtklubs passiert, an die weiterzugeben, die wir kennen? Wäre es möglich, dass die christlichen Männer sich verpflichten, niemals einen Stripklub oder ein Bordell zu besuchen, weil wir keinen Anteil an der Ausbeutung anderer Menschen haben wollen? Wäre es möglich, dass wir uns zur Reinheit in unseren Leben verpflichten und somit für die Welt ein Beispiel setzen? Das sind alles Möglichkeiten für erste Schritte, um gegen die zerstörerische Maschine der Sexindustrie anzukämpfen. Weitere Schritte könnten sein, dass wir uns aktiv gegen Menschenhandel einsetzen und dafür auch geschult werden.

Die Frage, die man sich als Christ stellen sollte, ist, ob es ein Werk der Gerechtigkeit und Freundlichkeit ist, wenn wir es erlauben, dass die Sexindustrie und ihre Ausbeutung von Leben weiter bestehen. Die Frauen in den Nachtklubs haben keine Plattform, von der aus sie ihre Verzweiflung und ihre Traurigkeit über die Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, zum Ausdruck bringen können. Sprüche 31,8-9 sagt uns: „Hilf dem, der sich selbst nicht helfen kann; schaffe denen Recht, die für sich alleine dastehen. Ja, hilf den Armen und Elenden und sorge dafür, dass sie zu ihrem Recht kommen.“ Ist es wirklich der Wille Gottes für uns, dass wir in Angesicht des Missbrauchs und der Ausbeutungen von Frauen und Männern, die jeden Tag in unseren Ländern stattfinden, schweigen?