Freiheit für Dalits

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1963 fuhr das erste OM-Team auf dem Landweg von Europa nach Indien. Unterwegs erzählten sie von der Guten Nachricht. Das taten die OM-Teams auch in den folgenden 30 Jahren – sie verteilten Literatur, sprachen mit Menschen, boten Korrespondenzkurse an und gaben in ganz Indien Gottes Liebe weiter.

1988 wurde der indischen Leitung klar, dass es nicht genügte, geistlich zu helfen, sondern dass der Mensch als Ganzes, seine wirtschaftlichen Bedürfnisse sowie die sozialen und politischen Umstände miteinbezogen werden mussten. OM erkannte, dass sie den Hundertmillionen armen und an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen, speziell aber den Kastenlosen, den Dalit-Bahujan (Unberührbare) ihre Aufmerksamkeit schenken mussten.

„Die Dalits und andere arme, ausgegrenzte Menschen in Indien schreien nach Freiheit”, sagt Joseph D‘souza, der Leiter der Good Shepherd Church of India (Gemeinde des guten Hirten). „Wir rufen zu einer umfangreichen sozialen, moralischen und geistlichen Veränderung auf. Es ist ein Aufruf, die Welt von der Unterdrückung der Kastenideologie zu befreien! Es ist schlicht eine Forderung nach Menschenwürde als Antwort auf die gegenwärtige Realität der modernen Sklaverei, der Unterdrückung von Frauen, wirtschaftlicher Diskriminierung und um sich greifende Armut.”

In Partnerschaft mit anderen unternahm OM/Good Shepherd im Jahr 2001 Schritte, um die Gesellschaft zu verändern. Sie begannen, die Armut der Dalits zu bekämpfen, mit medizinischen Kliniken, Grund- und Hauptschulen in englischer Sprache, Alphabetisierung Erwachsener, Handwerks- und Geschäftskursen und vielem mehr. Da dies alles im Namen Jesu getan wurde, entstanden überall neue Gemeinden.

Bildung als Schlüssel

Es wurde bald klar, dass der Schlüssel, um aus dem Kreislauf der Armut und Unterdrükung auszubrechen – einem Kreislauf, der es einer ganzen Bevölkerungsgruppe der indischen Gesellschaft unmöglich macht, über die erste Sprosse hinaus aufzusteigen – die Bildung der Dalit-Kinder war. Die Good Shepherd-Schulen sind christlich geführt, die Schüler sind Dalits und die Unterrichtssprache ist Englisch.

Ruth besucht die vierte Klasse einer Good Shepherd-Schule. Obwohl Bigamie in Indien verboten ist, machte Ruths Vater einige schlechte Entscheidungen und die Familie litt darunter. Armut und die fehlende Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, verstärkten die Schwierigkeiten von Ruth, ihrer Mutter und ihrer beiden Geschwister. Als Ruths Vater schlussendlich die Familie verließ, lebten sie, trotz des kleinen Lohns, den die Mutter als Magd in einem Nachbarhaus verdiente, in unglaublicher Armut. Vor Kurzem wurde bei Ruth Tuberkulose diagnostiziert. Jetzt erhält sie – gratis vom Regierungskrankenhaus – Medikamente und erholt sich wieder. Sie ist eine gute Schülerin und sie und ihre Mutter haben Hoffnung auf eine Zukunft, die sie sich sonst nicht hätten vorstellen können. Etwa 90 Prozent der Good Shepherd-Schulabgänger studieren an Universitäten oder bilden sich an Fachschulen weiter. An 107 Schulen werden heute über 26 000 Dalit-Kinder unterrichtet!

„Es ist Gottes Wirken, dass wir so vielen Dalit-Kindern Freiheit ermöglichen konnten. Der Einfluss, den dies auf die Bevölkerung der ganzen Nation hatte, ist unglaublich”, sagt D‘souza. „Die vorbeugenden Bemühungen gegen die verschiedenen Formen der Sklaverei, wie Schuldknechtschaft, Menschenhandel, Zwangsprostitution und Kastendiskriminierung, haben einen sichtbaren Einfluss auf die Dalit-Bevölkerung und ihre Leiter.”

Weg vom Rotlichtviertel

Bhindya* wuchs im Rotlichtviertel von Mumbai, dem wirtschaftlichen Zentrum Indiens, auf. Da ihre Mutter oft weg war, wurde sie meist von anderen Frauen betreut. Aber auch diese Frauen verschwanden, meist mehrere Tage nacheinander und ließen Bhindya und ihre eigenen Kinder in der Obhut von wiederum anderen Frauen. Damals hinterfragte Bhindya den Umstand nicht, dass in ihrer Straße, ja in ihrem ganzen Viertel, nur Frauen und Mädchen wohnten, Männer aber nur für kurze Zeit zu Besuch kamen.

Vor fünf Jahren, als Bhindya zehn Jahre alt war, wurde sie ins Pratigya-Schutzhaus in Hyderabad gebracht. Pratigya ist eines der zwei Häuser des Good Shepherd-Gesundheitsdienstes, in denen Frauen und Mädchen, die die Prostitution verlassen möchten oder aus dem Kreislauf des  Menschenhandels fliehen konnten, geholfen wird. Hier erhielt Bhindya gesunde Mahlzeiten und lernte einen Tagesablauf kennen, mit Schulunterricht, Andacht und Zeit zum Spielen.

Heute ist Bhindya die beste Schülerin ihrer 10. Klasse einer Good Shepherd-Schule. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die an den Folgen von Aids starb, hat sie Hoffnung auf eine gute Zukunft, weit weg vom Rotlichtmilieu. Diese Rehabilitationszentren sind nur eine Facette der Arbeit des Good Shepherd-Gesundheitsdienstes, der in 80 verschiedenen Orten aktiv ist und dadurch einigen der 250 Millionen Menschen dient, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Hilfe hätten. Auch in der Aufklärung über HIV und Aids sowie deren Therapie, über Menschenhandel und Sexsklaverei, von welchen Hunderttausende in Indien betroffen sind, ist Good Shepherd aktiv.

Wachsende Gemeindebewegung

Im Jahr 2003 begann OM eine einheimische Gemeindebewegung, die Good Shepherd Church of India (GSCI). Sie lehrt neue Christen, wurde in ganzheitlicher Entwicklungshilfe aktiv und verbreitete sich im ganzen Land.

„Wir sind als schnell wachsende, Veränderung bewirkende Gemeindebewegung bekannt, die sich für Gerechtigkeit und Fürsprache einsetzt, Kindern durch englischsprachige Bildung Freiheit schenkt, die Gesundheitsinitiativen fördert, gegen den Menschenhandel kämpft, wirtschaftlichen Aufstieg ermöglicht und Leiter ausbildet“, berichtet D‘souza.

Nach fast fünf Jahrzehnten zählt die Bewegung rund 4000 Gemeinden, die von 1300 Pastoren geleitet werden. Während Ernährungsprogramme, bildende Kurse und wirtschaftliche Entwicklung Veränderung schaffen, bleibt der Schwerpunkt der Arbeit auf der Förderung einzelner Menschen in ihrer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus.

Das schnelle Wachstum der Bewegung zeigte auf, dass das jahrzehntelange Gebet für eine landesweite, einheimische Kirche erhört wurde. Im März 2012 zog sich OM Indien aus dem internationalen OM-Netzwerk zurück und formierte sich als unabhängige, indische Organisation Good Shepherd/OM India. Diese Organisation führt zusammen mit verschiedenen OM-Partnern die 1964 begonnene Arbeit weiter.

Janet Weber aus den USA arbeitet seit 2008 zuerst in England und Deutschland als Autorin und Editorin. Es liegt ihr am Herzen, junge Autoren und Fotografen in ihren von Gott anvertrauten Fähigkeiten für die Mission zu fördern. Gegenwärtig arbeitet sie als internationale Kommunikationsleiterin. Sie lebt mit ihrem deutschen Ehemann wieder in den USA.

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