Fremde willkommen heißen

„Ich hätte niemals damit gerechnet zu erleben, wie mein Mann eine Frau mit Kopftuch auf dem Rücksitz durch die Gegend fährt“, sagt Afke aus den Niederlanden, als sie ihr Beilke-Spiel mit dem 20-jährigen Mahmud* aus Syrien pausiert. „Er hätte mir niemals geglaubt, wenn ich ihm gesagt hätte, dass er so viel Spaß mit Immigranten haben würde. Aber hier sind wir. Diese Arbeit hat unser Leben verändert.“

Afke gibt zu, dass sie vor einem Jahr hin und wieder weinte, wenn sie in den Nachrichten den großen Zustrom an Menschen sah, die aufgrund von Krieg in nahöstlichen Nationen Zuflucht in Europa suchten. Tausende Menschen, hauptsächlich aus Syrien und Afghanistan, trafen täglich in ihrer Heimat ein, auf der Suche nach einem eigenen neuen Zuhause.

„Ich hatte Angst, was das mit unserem Land und unserer Identität machen würde”, teilt sie uns mit, während sie mit ungefähr zehn männlichen Flüchtlingen um einen Kaffeetisch herum sitzt. „Aber mir wurde klar, dass es als Christen unsere Pflicht ist, Menschen in Not beizustehen. Nun, da ich selbst ein paar Immigranten kennengelernt habe, genieße ich ihre Gesellschaft so sehr. Es ist so bereichernd, ihnen Liebe und Wärme zu schenken!“

Afke und ihr Mann Bert, ein pensioniertes Ehepaar aus Emmeloord, sind Teil der Arbeit die die OM-Mitarbeiter Robert-Jan und Ruth Sterk gemeinsam mit der örtlichen Gemeinde 2016 in dieser Stadt aufgebaut haben. Ruth, die seit einigen Jahren außerdem eine Frauengruppe im nahgelegenen Asylheim leitet, erzählt wie sie auf die große Flut an Migranten reagierten: „Wir stellten fest, dass unser Gemeindegebäude zentral inmitten vieler kostengünstiger Einkaufsläden liegt, in denen viele Asylsuchende ihre Einkäufe erledigen, und dass sie ihr wöchentliches Geld immer an einem Dienstag erhalten. Also stellten wir ein einfaches Schild auf und boten in unserer Gemeinde an Dienstagnachmittagen Kaffee, Tee und Gespräche an.“

Die Menschen kamen vorbei und luden auch Freunde ein – bald waren es pro Woche um die 25 Personen. Da sie Arabisch sprechen, unterhalten sich Robert-Jan und Ruth viel mit den Besuchern und helfen beim Ausfüllen offizieller Dokumente. Bert und Afke helfen mit Händen und Füßen, fahren Menschen am Sonntag in die Gemeinde, unterstützen bei Sprachkursen oder reparieren Fahrräder. Diverse andere Gemeindemitglieder unterstützen die Immigranten treu wo sie nur können.

Das Team erweiterte die Dienstagnachmittage mit einem Abendessen und einem Al Massira-Kurs, in dem die Grundlagen der Bibel und des christlichen Glaubens erklärt werden. „Wir begannen mit einer Gruppe von 14 Personen und hatten Angst davor, dass das ersten Treffen die Teilnehmer abschrecken würde“, erinnert sich Ruth. „Überraschenderweise kamen in den nächsten Wochen aber mehr Personen dazu und jetzt planen wir, sie zu einem gemeinsamen Essen in unserem Haus einzuladen.“

Menschen kommen und gehen. Wenn sie in den Niederlanden bleiben dürfen, können sie sich nicht aussuchen, wo sie leben. „Es sind schon so viele verschiedene Personen hier durchgekommen“, sagt Ruth. „Wir können nicht mit allen in Kontakt bleiben, aber wir beten, dass sie sich gut in ihrem neuen Zuhause einleben.“

Kritische Momente

Wie in den Niederlanden haben viele andere OM-Mitarbeiterin ganz Europa denselben Ruf gespürt, auf Flüchtlinge zuzugehen, die sich in ihrem Land einleben müssen. OM glaubt, dass dies ein kritischer Moment ist, in dem die Gemeinde einen großen Einfluss haben kann. Einheimische Christen kennen die soziale Situation und sprechen die Sprache. Sie können auf sehr wirksame Art und Weise Jesu Hände und Füße sein. Wenn Gemeinden auf Immigranten zugehen, wird die Liebe Jesu durch sie nicht nur für die Neuankömmlinge, sondern auch für die lokale Gesellschaft und Regierung sichtbar.

Oft ist eine gute Möglichkeit mit Immigranten in Kontakt zu kommen, sie beim Sprache lernen zu unterstützen. OM-Teams in Spanien, Frankreich, Österreich und Großbritannien helfen Neuankömmlingen, ihre Sprache zu erlernen. Das Xenos-Team von OM – griechisch für „Fremder“ – arbeitet mit Asylsuchenden in Deutschland, begegnet ihnen mit Liebe, Freundschaft und Akzeptanz, erzählt ihnen von Jesus und was es heißt, ein Nachfolger von Christus zu sein. In Finnland zeigen OM-Mitarbeiter Müttern aus Einwandererfamilien ihre Liebe und Gemeinschaft durch Freundesgruppen, in denen sie offene Gespräche führen und gemeinsam lernen. Und so geht es weiter.

Viele OM-Mitarbeiter in ganz Europa haben enge Freundschaften mit „Fremden“ aus dem Ausland geschlossen, von denen viele Jesus Christus als ihren Erlöser angenommen haben.

Ein bisschen Mut

Für den 22-jährigen George* aus Syrien sind die wöchentlichen Treffen in der Gemeinde von Emmeloord eine große Hilfe beim Erlernen der niederländischen Sprache. Nur acht Monate nach seiner riskanten Flucht mit seinem Vater vor dem Krieg fungiert er nun selbst als kompetenter Übersetzer für seine Landsleute am Tisch.

George wartet beunruhigt auf eine Antwort der Einwanderungsbehörde. Seine Mutter und Schwester kämpfen immer noch in einer der am stärksten vom Krieg betroffenen Städten in Syrien ums Überleben. Sobald er und sein Vater den Papierkram erledigt haben, hoffen sie, sich in den Niederlanden wieder mit ihnen vereinigen zu können. Er würde gerne wieder an die Universität zurückkehren. In Syrien ist studieren ein Ding der Unmöglichkeit geworden. „Ich bin immer noch jung, wisst ihr“, sagt er. „Das wichtigste ist, dass ich immer noch am Leben bin. Ich bin sicher, dass ich es hier mit einem kleinen bisschen Mut schaffen kann.“

Er verabschiedet sich von Afke und den anderen Freiwilligen. „Ich liebe diese Menschen einfach“, flüstert diese lächelnd. „Bis nächste Woche!“

Anneke Bolt aus den Niederlanden begann ihre Arbeit bei OM in Lateinamerika und ist nun zurück in ihrem Heimatland, um dort die Kommunikation für OM Europa zu koordinieren. Anneke ist Journalistin und liebt es zu schreiben, zu editieren und viele Fragen zu stellen.

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