Unsere Familie blüht in Afrika auf

35 Jahre lang war ich vor Gott davongelaufen. Als ich mich schließlich 2010 bekehrte, beschloss ich, an einem Einsatz unserer Gemeinde in Südafrika und Simbabwe teilzunehmen. Dort würde ich in Dorfgemeinden dienen und Kinderprogramme halten. Der Einsatz war allerdings alles andere als eine schöne Erfahrung für mich: Es war unorganisiert und alle Pläne änderten sich ständig. Ich teilte meiner Frau mit, dass ich so etwas nie wieder tun würde. Nach und nach wuchs jedoch der Wunsch nach einem Leben in Afrika in mir heran, obwohl meine Frau ganz klar dagegen war. Schließlich hatten wir ein Haus und einen guten Beruf, die Kinder hatten sich in der Schule eingewöhnt; es waren all diese Standardargumente, die dagegen sprachen. Anfangs setzte ich sie weiter unter Druck, bis Gott mir sagte, dass ich sie nicht dazu bringen müsste, ihre Meinung zu ändern. Dafür würde er sorgen – und er tat es. Wir waren die allerersten Missionare, die unsere Gemeinde aussandte, als wir 2012 nach Südafrika zogen, um dort sechs Monate lang am MDT (Mission Discipleship Training – ein Missions- und Jüngerschaftstraining) teilzunehmen.

Das Stadtleben in Südafrika unterscheidet sich nicht radikal von dem Europas, doch anfangs machte uns die Bürokratie dort zu schaffen und entmutigte uns sehr. Wir nahmen uns bestimmte Dinge vor, die wir innerhalb des Tages erledigen wollten, um dann abends nach Hause zu kommen und nur eine einzige Sache von der Liste streichen zu können. Wir haben gelernt, uns an das Alltagstempo in Südafrika anzupassen, uns weniger vorzunehmen und zu feiern, wenn wir mal mehr als erwartet schafften. Das Leben hier wurde nicht einfacher für uns, weil sich die Systeme änderten, sondern weil wir uns anpassten. Durch all das lernten wir Gott nicht nur in den kleinen, sondern vor allem in den großen Dingen zu vertrauen.

Am Anfang fiel es besonders unseren jugendlichen Töchtern schwer, ihre Freunde und ihr soziales Umfeld zurückzulassen. In Deutschland konnten sie sich frei bewegen und all ihre Freunde mit dem Fahrrad besuchen – undenkbar in Südafrika, wo man seine Kinder überall mit dem Auto hinfahren muss. Unsere Töchter fühlten sich eingesperrt und zu abhängig von uns. Hinzu kam, dass sie nun Englisch für den Alltagsgebrauch lernen mussten. All das war natürlich viel auf einmal für junge Mädchen. Ich hatte, was das Eingewöhnen angeht, weniger Probleme, da ich jeden Tag mit Aufträgen aus dem OM-Büro und Teamaktivitäten beschäftigt war. Im Allgemeinen kam unsere ganze Familie aber gut mit dem Umzug und den Veränderungen zurecht.

Lesotho ist eine andere Welt

Vor unserem MDT-Einsatz hatte ich noch nie etwas von Lesotho gehört, wo mein Team in Lehmhütten lebte und über dem offenen Feuer kochte. Gott hat mich dafür offen gemacht, Mission dort in Erwägung zu ziehen. Ich habe meine Gedanken diesbezüglich mit meiner Frau Christiane geteilt und vorgeschlagen, einen Familienausflug dorthin zu unternehmen. Wir beteten dafür, dass der Ausflug besonders für unsere Töchter eine einzigartige Erfahrung werden würde, sollte ein Umzug dorthin tatsächlich Gottes Wille für uns sein. Wir schauten uns Sehenswürdigkeiten und schöne Naturschauplätze an, besuchten Dörfer und redeten mit Einheimischen. Als wir auf dem Heimweg unsere Töchter nach ihrer Meinung fragten, meinten sie: „Es war etwas ganz Besonderes!“ – nicht gerade eine teenager-typische Antwort! Daraufhin sprachen wir mit unserer Heimatgemeinde, unseren Freunden und unseren Unterstützen. Alle rieten uns dasselbe: Ja, wir sollten nach Lesotho ziehen. Aber noch nicht jetzt. Das ist nun drei Jahre her; mittlerweile spüren wir, dass es Zeit wird, sich auf den Aufbruch nach Lesotho vorzubereiten.

Wir reisen mehrere Male im Jahr nach Lesotho. Seitdem wir nach Südafrika kamen, gab es bereits 28 Einsätze dort. Diese helfen uns, ein Verständnis für die Bedürfnisse Lesothos zu entwickeln. Beispielsweise haben wir bei einem Dorfeinsatz einen Jesus-Film gezeigt und konnten sehen, dass zehn oder sogar 50 Personen sich von der Botschaft Christi angesprochen fühlen. Sie werden dazu ermutigt, eine lokale Kirche zu besuchen und in ihrem Glauben zu wachsen. Als wir ein Jahr später in das Dorf zurückkehrten und wieder den Film zeigten, stellten wir fest, dass dieselben zehn Personen auf den Film reagierten. Sie waren ganz offensichtlich keine Jünger von Jesus geworden. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Kirchen dort nicht evangelistisch sind oder eine semikultische Leitung haben, die Menschen aktiv davon abhält, die Bibel zu lesen. Wenn sie dies tun würden, würden sie nämlich die Wahrheit herausfinden und zu einer Bedrohung für die Leiter werden. Dennoch sind die Menschen begierig darauf zu erfahren, was die Bibel tatsächlich über das Leben sagt. Deshalb wollen wir in einigen Dörfern wöchentliche offene Treffen etablieren, in denen tiefgründige und wichtige Fragen gestellt und beantwortet werden können.

Wir wollen das Prinzip aufgreifen, das im 2. Timotheus 2,2 angesprochen wird und Menschen, die noch jung im Glauben sind, ihre neue Identität zusprechen. Wir möchten sie schulen und ausrüsten, damit sie in dieser Art von Mission wachsen und ganze Gemeinschaften verändern können. Leider sind viele Kirchen in dieser Bergregion Profitzentren für Pastoren, die zum Beispiel den Zehnten dort einsammeln. Hinzu kommt die weite Verbreitung von Ahnenanbetung, die in Lesotho fast überall gelehrt und praktiziert wird; Pastoren fungieren somit auch als sangoma (südafrikanischer Medizinmann) oder als Priester von diversen Volksreligionen. Eine Konsequenz von Ahnenanbetung ist ein Glaubenssystem, das Veränderung verhindert. Denkmuster wie „Das ist, was mein Vater getan hat und auch sein Vater davor, also muss ich es auch tun“ sind sehr häufig, selbst wenn sie zerstörerisch oder einschränkend sind. Christus allein hat die Macht, das zu überwinden.

Was in einer Kultur für wichtig erachtet wird, ist in einer anderen Kultur vielleicht nebensächlich. In Deutschland spielt die Karriere eine sehr wichtige Rolle, selbst wenn sie dem Wohl der Familie schadet. In Südafrika ist das nicht der Fall und diese Veränderung sehe ich nun auch in mir selbst: Man kann den Alltag in einem Tempo leben, das es möglich macht, das Leben mehr zu genießen. Die westliche Gesellschaft pocht auf Effizienz, Einhaltung von Zeitplänen und Produktivität. In Lesotho haben Beziehungen den höchsten Stellenwert. Es ist viel wichtiger, sich mit seinem Nachbarn zu unterhalten, als eine To-do-Liste zu vollenden. Mein Anpassungsprozess ist noch nicht vorbei und ich werde bestimmt noch viele Veränderungen durchmachen, aber ich freue mich darauf. Und ich wünsche mir, dass meine Kinder ebenfalls dieses gelassenere Lebenstempo für sich übernehmen können.

Gottes Willen als Familie folgen

Wir haben gelernt, dass ein Ruf Gottes nicht zwangsläufig für den Einzelnen, sondern für die ganze Familie bestimmt ist. Als Eltern müssen wir für jedes Kind hören, was Gott sagt. Wir glauben, dass wir die Entscheidungsträger sind, aber Kinder können uns vieles beibringen. Ihre Sensibilität gegenüber dem Heiligen Geist kann überraschend sein. Man muss darauf vertrauen, dass Gott in jedem arbeitet und wirkt. Wie wundervoll war es mitzuerleben, wie unsere Tochter Emelia ihre Meinung von „Ich werde niemals nach Lesotho ziehen!“ zu „Ich kann es kaum erwarten, endlich zu gehen!“ änderte.

Mit Gott ist nichts unmöglich. Es ist ein großer Schritt, das Bekannte hinter sich zu lassen, das Bequeme, das Altbewährte, und es einzutauschen gegen etwas, das nur Gott kennt. Den größten Widerstand erfährt man von Freunden und Familie, die die Motive hinterfragen: Wie kannst du das Leben deiner Familie so durcheinanderbringen? Wie kannst du deine Kinder solchen Gefahren und Schwierigkeiten aussetzen? Meine Antwort auf diese Fragen ist, dass unsere Kinder nicht uns gehören, sondern Gott. Er vertraut sie uns für eine bestimmte Zeit lang an, aber ihr Beschützer und Bewahrer wird immer er sein. Ob wir nun in die Mission gehen oder nicht, wir müssen sie mehr und mehr loslassen und in seine Obhut übergeben.

Denjenigen, die sich fragen, ob ein solcher Weg der richtige für sie ist, möchte ich sagen: Nur wenn Gott dich ruft. Wenn Gott einen bestimmten Platz für dich hat, dann wird er es dich wissen lassen. Anfangs habe ich mit der Frage gerungen, ob Lesotho Gottes Wille für uns ist. Meine einzige Verantwortung ist es, meine Familie wieder in seine Hände zu übergeben. So wirkt Gott durch meine Unsicherheit mit seinen wunderbaren Fähigkeiten. Wir lieben die Menschen Basutos, ihr Land und, in unserem Vertrauen auf ihn, alles, was Gott noch für uns bereithält.

Stephan und Christiane Schmidt aus Berlin, Deutschland, dienen seit vier Jahren in Südafrika, zuerst mit vier, nun mit drei ihrer Kinder: Emelia (14), Samuel (4) und Silas (2). Ihre älteste Tochter Theresa (19) ist für ihr Studium zurück nach Deutschland gezogen.