Flüchtlingshilfe – mache alles möglich!

Die Hauptautobahn Serbiens, die E70, führt nach Westen bis zur Grenze zu Kroatien, durch weite Felder, die im Winter tief im Schnee liegen. Weniger als einen Kilometer von der Grenze entfernt, befindet sich ein heruntergekommenes Motel, wo sich das Flüchtlingslager Adasevci und das humanitäre OM-Projekt Refugee Relief Serbia (Flüchtlingshilfe Serbien) befinden. Nicky Andrews, Mitarbeiterin von OM Balkan, besuchte das Lager im Januar 2019, wo sie Jude Murray, die OM-Projektkoordinatorin traf. Im Interview erzählt Jude Murray von ihrer Aufgabe und wie diese Arbeit von OM ein praktisches Zeugnis der Liebe Jesu für Hunderte von Flüchtlingen sein kann, die in Serbien festsitzen.

Nicky Andrews: Was macht OM hier im Flüchtlingslager?

Jude Murray: Das Projekt heißt offiziell Refugee Relief Serbia (Flüchtlingshilfe Serbien). Unser OM Serbien-Team besteht aus mir, der einzigen vollzeitlichen OM-Mitarbeiterin, vier einheimischen Mitarbeiter einer nahegelegenen Stadt und Freiwilligen aus aller Welt. Wir haben ein großes Zelt, das als Treffpunkt dient und wo wir heiße Getränke servieren. Es ist wie ein riesiges Café und es passen 150 Personen rein. Manchmal zeigen wir auch am Wochenende Zeichentrickfilme für alle Altersgruppen. Wir haben auch an einem anderen Platz auf dem Gelände eine Waschküche. Momentan leben gut 800 Menschen in dem Camp. Die meisten sind junge Männer aus Afghanistan, Iran und Pakistan. Sie können ohne Visa nicht über die kroatische Grenze, also stecken sie jetzt in Serbien fest. Das kann sich wirklich wie eine hoffnungslose Situation anfühlen.

NA: Wie viele Getränke macht OM jeden Tag?

JM: Wir arbeiten in zwei Schichten und geben pro Tag 3000 Tassen aus. Die heißen Getränke sind an kalten Tagen sehr beliebt. Es kann ja bis zu -25 °C hier werden. Wenn unsere Heizung nicht ausfällt, ist es im Zelt sehr warm und die Männer sind gerne hier … unterhalten sich, spielen Tischtennis, Schach oder Mensch ärgere dich nicht.

NA: Da musst du aber eine riesige Einkaufsliste haben!

JM: Nun, unsere Flüchtlingsfreunde mögen ihre Getränke sehr süß, also verbrauchen wir pro Woche 140 Kilo Zucker, dreieinhalb Kilo losen Tee, fünf Kilo türkischen Kaffee und 20 Liter Milch. Das kostet etwa 300 Euro. Im Winter müssen wir auch für die Heizung des Zeltes bezahlen – das sind etwa 200 Euro pro Woche für die Briketts, die wir für die Heizboiler brauchen.

NA: Wie können dein Team und du im Flüchtlingslager Zeugnis für Jesus sein?

JM: OM ist offiziell registriert, um hier humanitäre Hilfe in Namen der UNHCR zu leisten. Weil dieses Projekt kein evangelistischer Einsatz ist, können wir keine Bibelstudien oder Anbetungszeiten im Zelt haben. Auch müssen wir aufpassen, dass wir die Flüchtlinge, die Christen sind, nicht bevorzugen. Das frustriert manchmal unsere Helfer. Aber die Wahrheit ist, dass, wenn wir mit dem schmutzigen Geschirr der Menschen umgehen oder ihnen die Getränke reichen, wir ihnen auch Gottes Liebe zeigen. Mich inspiriert der Vers, wo Jesus sagt: ‚Als ich durstig war, gabst du mir etwas zu trinken.‘

Die Flüchtlinge beobachten uns immer, wenn wir mit ihnen arbeiten und die Art, wie wir das tun, ist schon ein großes Zeugnis. Wir hatten Helfer hier, die kamen aus Australien und Südkorea und die Flüchtlinge können es nicht glauben, dass sie auf eigene Kosten gekommen sind, um ihnen Tee und Kaffee zu servieren. Das kann alles zu Gesprächen über Gott führen. Die Männer suchen dann auf ihren Smartphones nach OM und wissen so, dass wir Christen sind. Sie stellen uns Fragen über OM und so können wir ihnen etwas erzählen. So können wir auch während unserer Arbeit Samen von Gottes Liebe säen und vielleicht erinnern sich die Menschen, wenn sie einmal in anderen Ländern sind, daran, was sie in Serbien gesehen und gehört haben.

NA: Wie bist du selbst nach Serbien gekommen?

JM: Ich arbeitete Mitte der 1990er-Jahre in der Administration für OM in Nordafrika. Dann verließ ich OM und unterrichtete auf der ganzen Welt – in Kenia, Zypern und Afghanistan. Im Jahr 2007 kam ich wieder zu OM und arbeitete mit Sitz in Großbritannien in der Sportarbeit in OM Europa und war in meiner Heimatgemeinde aktiv. Dann hörte ich im Jahr 2016 bei dem europäischen OM-Leitertreffen, wie Einzelne von OM Montenegro seit 2015, als die Flüchtlingskrise begann, hierher nach Serbien gekommen waren. Sie kamen eine Woche nach der anderen, um die Bestrebungen von OM, den Flüchtlingen zu helfen, zu koordinieren. Es war alles ein bisschen chaotisch. Es war dringend nötig, dass jemand als vollzeitlicher Projektmanager in Serbien ansässig ist. Ich spürte Gottes Ruf! Ich bin im Januar 2017 für zunächst drei Monate in Serbien angekommen … zwei Jahre später bin ich immer noch hier!

NA: Erzähle ein bisschen mehr von deiner Aufgabe hier bei Refugee Relief Serbia.

JM: Es wäre einfacher, dir zu sagen, was ich nicht tue! Ich arbeite sechs Tage die Woche und koordiniere jeden Aspekt dieses Projekts. Dazu gehören Verwaltungsaufgaben wie die Finanzen, die Erstellung von Arbeitsplänen, die Rekrutierung und Betreuung internationaler Freiwilliger und unserer serbischen Mitarbeiter sowie die Zusammenarbeit mit den Lagerbehörden. Es gibt auch Logistik, wie die Wartung des OM-Zeltes, der Küche, der Heizung und des Teamwagens, und natürlich den Einkauf des Verbrauchsmaterials! Einige Dinge kann ich auch an meine serbischen Kollegen delegieren, aber ich bin immer noch sehr eng eingebunden – jemand muss wissen, was alles vor sich geht. Ich bin der ultimative Problemlöser!

NA: Hast du auch einmal Zeit, im Zelt selbst zu arbeiten und Tee und Kaffee auszuschenken?

JM: Ja, überraschenderweise. Meistens helfe ich aus und ich vermisse den Kontakt mit den Flüchtlingen wirklich, wenn mich das Management vom Lager fernhält. Ein Job, den ich auch gerne mache, ist in unserer Waschküche. Einer von uns macht das jeden Wochentag. Selbst wenn ich 70 Ladungen Wäsche mache, kann ich irgendwie rausgehen und all die Dinge verarbeiten, an die ich denken muss!

NA: Erzähle mir von einigen deiner Highlights …

JM: Ich liebe es zu sehen, wie die Flüchtlingskinder vor Freude verrückt werden, wenn es anfängt zu schneien. Also hatte ich großen Spaß daran, einmal mit ihnen einen Schneemann zu bauen. Es ist auch sehr lohnend, wenn sich die Leute aufrichtig für das bedanken, was wir hier tun. Ich war kürzlich wirklich bewegt – einige Familien, die in ein anderes Lager versetzt wurden, sagten, sie wollten dort nicht hingehen, weil OM nicht da war. Und ich werde nie vergessen, Tee mit einem jungen Mann namens Azfaar* zu trinken, dessen bester Freund gerade bei einem Versuch, die Grenze zu überschreiten, gestorben war. Er war untröstlich, weil er und sein Freund seit ihrer Abreise aus Afghanistan zusammen waren. Ich sagte nichts, es ging nur darum, für Azfaar und seiner Trauer da zu sein. Ich nehme an, man kann das nicht wirklich als Höhepunkt bezeichnen, aber es war sicherlich ein großes Privileg.

NA: Was ist bei dieser Art der Arbeit die Kehrseite?

JM: Mit unserer Ausrüstung läuft immer etwas schief – einer der beiden Gasbrenner in der Küche funktioniert zum Beispiel nicht mehr. Oder eine Waschmaschine geht kaputt oder das Teamauto macht Probleme. Persönlich gesehen habe ich sehr wenig Zeit für mich selbst, und es ist eine große Verantwortung, die einzige Person zu sein, die alles am Laufen hält. Selbst wenn ich im Urlaub wieder in Großbritannien bin, erhalte ich Anrufe, wo ich gebeten werde, Notfälle zu erledigen! OM möchte mehr Vollzeitkräfte für unser Serbien-Team einstellen, darunter einen stellvertretenden Manager. Das würde den Druck auf mich wirklich verringern.

NA: Wer ist geeignet, bei OM Serbien mitzuarbeiten?

JM: Wir würden uns freuen, von Menschen mit Reife und viel Mitgefühl zu hören, die sich aber auch nicht zu sehr von den Situationen der Flüchtlinge emotional beeinflussen lassen, da einige der Menschen im Lager tragische Geschichten haben. Wir brauchen praktische Outdoor-Typen mit viel Energie, die gerne dienen, und dies als ihr Zeugnis sehen. Und wenn Sie auch nur ein paar Worte Arabisch, Farsi, Paschtu, Bengali oder Urdu sprechen können, werden Sie bei den Flüchtlingen ein Stein im Brett haben! Die Flüchtlinge sind meist junge muslimische Kerle, die sich besonders gut mit unseren männlichen Freiwilligen identifizieren, weshalb ich Männer besonders ermutigen möchte, sich uns anzuschließen.

NA: Wie können OM-Unterstützer für dich und Refugee Relief Serbia beten?

JM: Für mich, ich brauche viel Weisheit in meinen Arbeitsbeziehungen hier mit allen meinen verschiedenen Kollegen, zumal Freiwillige ständig kommen und gehen. Es bedeutet, dass du nie eine feste Gruppe von Menschen hast, mit denen du arbeiten und dich daran gewöhnen kannst.

Bitte beten Sie auch für neue Vollzeitmitarbeiter für OM Serbien. Ich würde mich besonders freuen, wenn der stellvertretende Managerposten besetzt würde! Beten Sie auch für mehr finanzielle Ressourcen für dieses Projekt. Es gibt so viel, was wir für die täglichen Betriebskosten ausgeben müssen, ganz zu schweigen von wesentlichen Verbesserungen für das Zelt.

Schließlich bitte ich Sie darum zu beten, dass viele Flüchtlinge Jesus kennenlernen. Dies ist eine Situation, in der die am wenigsten Erreichten buchstäblich vor unserer Haustüre stehen!

Wenn Sie den Dienst von Refugee Relief Serbia finanziell unterstützen möchten, können Sie dies hier tun.

*Name geändert

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